As time goes B.A.C.H. I

Johannes Schenk & friends - feat. Charlie Mariano



Improvisation war schon immer eine der inspirierendsten Quellen für musikalisch schöpferische Akte. Von Johann Sebastian Bach sagt man, daß er die Toccaten und Fugen, die Präludien und Fantasien, welche er sonntags zum Gottesdienst improvisierte, während des Mittagessens aufschrieb. Das Verb „Präludieren“ zeugt noch von dieser verloren gegangen Fähigkeit „aus dem Stehgreif“ zu musizieren. Heute ist Improvisation im allgemeinen Musikbetrieb kaum noch anzutreffen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die klassische Harmonielehre, welche Bestandteil des Musikstudiums ist, nicht auf einen „freien“ Umgang mit Tonleitern und Akkorden abzielt.
Jedoch ist Improvisation nicht gänzlich aus der Musikwelt verschwunden: Wenn auch fast alle zeitgenössischen Stilrichtungen, in denen Improvisation eine wesentliche Rolle spielt überheblich in die Kategorie U-Musik, also Unterhaltungs-Musik, eingeordnet werden, so muß doch anerkannt werden, daß die vitalsten zeitgenössischen Strömungen sich der Improvisation, entweder als Bestandteil
der Aufführung, oder als Hilfsmittel zu ihrer Herstellung bedienen. So ist der aus der Fusion von abendländischer Tradition und afro-amerikanischer Rhythmik entstandene Zweig der zeitgenössischen Musik, der Jazz, ein leibhaftiges Beispiel für musikalische Vielfalt und Vitalität. Parallelen zwischen der Improvisations-Praxis des Barock und der Neuzeit lassen sich schon in der Art der Notierung der Improvisations-Vorlagen ausmachen: Während die „Rhythmus-Gruppe“ des Barock (Basso-Continuo) den Generalbass als verbreitete Schreibweise für die Festlegung harmonischer Formen vorfand, so improvisieren Jazz-Musiker heute auf der Grundlage von Harmoniesymbolen, welches an die barocke Tradition anknüpft.

Einer der Grundgedanken des Projektes AS TIME GOES B.A.C.H. ist die Gegenüberstellung zeitgenössischer Improvisation und Bachscher Musik. Deshalb wurde bewußt darauf verzichtet, den Text der barocken Kompositionen im Wesentlichen zu ändern. Vielmehr werden die Kompositionen so wiedergegeben wie Bach sie schrieb. So dient die Hinzunahme von Schlagzeug und Kontrabass der Verdeutlichung des, dem Original innewohnenden Groove und Swing, wenngleich beide Instrumente im Kontext der Improvisationen auch solistisch fungieren. Die Grundgerüste der Improvisationen sind wie in der Bearbeitung des Orgelchorals „Ich ruf zu Dir Herr Jesu Christ“ zum Teil der harmonischen Abfolge des musikalischen Original-Textes entlehnt. Intensivere Brüche entstehen durch die Implementierung völlig neuer Harmoniegerüste, wie in den Bearbeitungen der Präludien d- und g-moll. In beiden Fällen ist die Tonfolge b-a-c-h ein wesentlicher Bestandteil dieser Struktur. Die analoge Verwendung dieser Tonfolge (z.B. c-h-d-cis) zieht sich wie ein roter Faden durch die vorliegenden Bearbeitungen und findet sich - verpackt als Morsecode - in der Rhythmik des Vorspiels zum langsamen Satz (Air) aus der Orchestersuite D-Dur wieder. Letztlich darf diese Tonfolge auch als Erklärung für die Anwesenheit des von Jimi Hendrix zur Berühmtheit verholfenen Songs „Hey Joe“ herhalten, dessen Mittelteil ebenfalls ein b-a-c-h-Motiv (in diesem Fall as-g-b-a) enthält.

Köln im Mai 2000

Johannes W. Schenk

Update am 19.12.2016

Die Remscheider Kirchenmusikerin Ruth Forsbach hat nach Hören dieser ersten Bach-CD einmal zu mir gesagt: "Sie brauchen Bach, aber Bach braucht Sie nicht". Damit wollte sie zweifellos zum Ausdruck bringen, dass ich mich bei den Bearbeitungen Bachscher Kompositionen zwar der Musik Bachs bediene, jedoch für diese keinen Nutzen darstelle. Dass mich niemand "braucht" wenn es darum geht, die erhabene Musik Bachs zu verbreiten. Dass ich mich also mit fremden Federn schmücke. Dazu möchte ich folgendes anmerken: Es ist heute ausschliesslich in der sog. Klassischen Musik ein völlig normaler Vorgang, dass nicht ein einziger Ton von den vortragenden Musikern selbst stammt. Es wird notierte Musik bis ins kleinste Detail einstudiert und vorgetragenen. Im Grunde genommen sind die klassischen Kammer- und auch Sinfonieorchester im besten Sinne das, was man landläufig als "Cover-Band" bezeichnet: Der kompositorische Eigenanteil dieser Formationen tendiert gegen null. Schon immer. Wer auch immer in einem dieser Orchester auf die Idee kommen sollte, Mozarts Kleine Nachtmusik beispielsweise um einen Takt zu verlängern oder zu verkürzen darf sich der mitleidvollen Blicke seiner Kollegen - oder Schlimmeres - sicher sein. In jeder anderen Musikrichtung wäre dies undenkbar: Die Bands der Rock-, Heavy Metal-, Blues-, Soul-, Funk- und auch die Jazzmusik sind ohne musikalisch schöpferische Anteile überhaupt nicht denkbar. Selbst ein Schlager wird sich ohne Kompositions- oder wenigstens Bearbeitungsanteil nicht durchsetzen können. Man könnte also mit Fug und Recht behaupten, dass die Grundlage der Geschäftsidee dieser Klassischen Orchester (die mit Unsummen öffentlicher Mittel subventioniert werden) das Schmücken mit fremden Federn schlechthin ist.


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